Interview Dorothee Binding

Dorothee Binding
Martina, Du hast für Dich schon ganz früh gegen eine Laufbahn als Orchestermusikerin entschieden und hast stattdessen einen anderen, sehr individuellen und spannenden Weg gewählt. Wie kam es zu dieser Entscheidung?

Martina Silvester
Es ist die Vielseitigkeit, die mich interessiert. Meinen eigenen Weg zu finden, natürlich mit Umwegen und Sackgassen, war eine Herausforderung, der ich mich aber immer wieder gerne stelle. Es war mir schon früh wichtig, alles, was mich interessiert, zu verfolgen und mir selbst die Freiheit zu lassen, meine Träume zu realisieren. Das ist unüblich, aber für mich hat es sich immer richtig angefühlt.
Denn es geht nicht nur um Musik. Wenn man weiter denkt, kann man Synergien mit anderen Kunstrichtungen finden. Man kann bei sich selbst Talente entdecken, die im Laufe der Zeit untergegangen sind und die in einem schlummern. Wenn man auf sich hört, kann man sie wiederfinden, sie einsetzen und etwas daraus machen. Das ist mir ein großes Anliegen.

DB
Du wirst trotzdem regelmäßig als freischaffende Flötistin in großen Sinfonieorchestern engagiert, hast zum Beispiel mit den Münchner Philharmonikern eine Mahler- Sinfonie in Paris gespielt. Im Orchester ist man ja immer Teil eines großen Ganzen. Teil einer musikalischen Idee, der man sich unterordnen muss, deren Baustein man ist. Das kann im besten Fall inspirierend sein, wie erlebst Du diese Augenblicke?

Martina Silvester
Ich liebe es nach wie vor, im Orchester zu sitzen. Das Gefühl, eine Mahler- Sinfonie zu spielen, zu erleben, ist unglaublich. Deshalb verstehe ich, dass man den Wunsch hat, ins Orchester zu gehen und an diesen Werken zu wachsen.
Für mich war es immer wichtig, dass ich Programme entwickele, die mir entsprechen, mir als Künstlerin, nicht nur als Musikerin. Dass ich die Menschen auf neue Wege bringe, Dinge, die sie noch nicht gehört haben. Dass sie mit einem neuen Gedanken aus dem Konzert herausgehen, dass ich etwas Neues bei ihnen bewirkt habe, das ist meine Intention.

DB
Woher nimmst Du Deine Ideen? Wovon lässt Du Dich inspirieren?

Martina Silvester
Vieles war schon in mir und sprudelt irgendwann heraus. Als Teenager wollte ich Schauspielerin werden, aber gleichzeitig habe ich auch davon geträumt, Musik zu studieren. Beides auf einmal war nicht möglich, deshalb habe ich mich zuerst für die Musik entschieden. Aber die Schauspielerin schlummert noch in mir!
Ich will nicht beeindrucken, sondern berühren.
Ich möchte immer den Augenblick mit hineinbringen. Das ist wie beim Kochen. Ich mag das Rezept natürlich im Kopf haben. Aber wenn ich meine, da muss Chili rein, dann mache ich Chili rein und sehe, was meine anderen Kammermusikpartner dazu sagen. Das ist auch das Schöne, wenn man Kammermusik macht, dass ich mir Musikpartner auswähle, die darauf reagieren, wenn ich Chili in die Suppe gebe und nicht wie vorgegeben Pfeffer. Dass man auf der Bühne Momente hat, die man beim Proben nicht hat. Dass die Spontanität bleibt, die Freiheit. Dass man etwas riskiert. Vielleicht geht es in eine Richtung, die man nicht wollte, aber das Ganze steht im Vordergrund, der Raum, das Publikum und das Zusammenspiel. Dem gegenüber offen zu sein, das ist das Schöne an der Kammermusik.

DB
Als klassisch ausgebildete Flötistin hast Du Dich auch mit dem Jazz auseinandergesetzt und sogar den Mut gefunden, zu improvisieren. Wie waren Deine ersten Versuche auf der Bühne?

Martina Silvester
Man fühlt sich erst einmal nackt, aber im Grunde ist man irgendwann freier. Wenn man die Dinge, die man improvisiert, üben müsste, dann würde man lange daran arbeiten. Wenn man improvisiert, braucht man Mut. Am Anfang gab es nur ausgewählte Musiker, bei denen ich mich getraut habe zu improvisieren. Das ist, wie wenn man ins kalte Wasser springt, irgendwann schwimmt man. Ich bin keine Jazzflötistin, aber ich habe Jazz- Artikulationen gelernt und ich habe beim Improvisieren mit der Zeit meinen eigenen Stil entwickelt.

DB
Zwischen der Welt des Jazz und der Barockmusik gibt es viele Gemeinsamkeiten. Die Improvisation spielt in beiden Genres eine wichtige Rolle, aber auch die Beziehung zum Bass und die Vorliebe zu kontrapunktischen Stimmverläufen. Akkordsymbole und Basso continuo – Du hast Dich mit beidem auseinandergesetzt und nach Deinem Studium ein Aufbaustudium  Fach Traverso absolviert. Ich erinnere mich noch sehr gut an Dein Abschlusskonzert, mich hat es sehr beeindruckt und berührt, wie intensiv Du Dich mit dem Instrument auseinandergesetzt hast. Wie hast Du diesen Aspekt Deiner Ausbildung in Deinen Musikalltag integrieren können?

Martina Silvester
Ich spiele Traverso regelmäßig, aber nur für mich. Das Studium hat mich geprägt, auch wenn ich damit nicht mein Geld verdiene. Ich habe viel gelernt. Dass man auf einer hölzernen Flöte ohne Klappen spielt, das ist, wie zurück zum Ursprung zu kommen.
Ich vergleiche das mit einem geschminkten und einem ungeschminkten Gesicht. Ein ungeschminktes Gesicht ist wahr und pur. So ist die Traverso. Wenn ich mich nicht so schön fühle, dann verwende ich ein bisschen Vibrato, wenn ich mit dem Ton nicht zufrieden bin, dann kann ich durch Virtuosität vieles verstecken. Das kann man mit der Traverso nicht. Es gibt nur das Pure, das Ungeschminkte. Deshalb hat das Studium mich geprägt und mein Verständnis von Musik verändert. Das Instrument sagt so vieles. Viel mehr noch als eine moderne Flöte aus Metall, denn Holz reagiert anders. Ähnlich wie ein Streichinstrument. Eine Geige ist ja sehr sensibel bei äußeren Umständen wie das Wetter, die Luftfeuchtigkeit und viele andere Dinge. So ist es auch bei der Traverso. Die moderne Flöte ist viel robuster. Aber durch meine Auseinandersetzung mit der Holzflöte habe ich eine größere Flexibilität bekommen, ein feineres Gefühl für Klangfarben und Klanggestaltung. Das Bewusstsein, dass ich ein Holzblasinstrument spiele, konnte ich durch meine Auseinandersetzung mit der Traverso viel direkter erfahren als auf der metallenen modernen Flöte.

DB
Die Böhmflöte bietet sowohl klanglich als auch technisch viel mehr Möglichkeiten als die Traverso. Du hast dort inzwischen Deine musikalische Heimat gefunden, spielst eine Goldflöte und bist Endorser von Miyazawa. Wie würdest Du Deinen Klang, oder die Idealvorstellung Deines Klanges beschreiben?

Martina Silvester
Wenn ich es mit Rotwein vergleichen darf, dann würde ich sagen, es ist ein schöner Bordeaux, ein Saint Emilion. Warum ich es mit einem Wein vergleiche, man sieht ja sehr viel an den Farben, dieses Bordeaux- rote. Was ich gerne mag, ist ein warmer runder und reicher Klang, der viele Nuancen hat.

DB
Das Instrument muss zu Dir passen, aber mindestens genauso wichtig sind Deine Kammermusikpartner, denn Du arbeitest mit ihnen sehr eng zusammen und im besten Fall bildet Ihr auf der Bühne eine musikalische Einheit, die sich ergänzt, inspiriert und bei der man sich aufeinander verlassen kann. Wie suchst Du Dir Deine Partner aus?

Martina Silvester
Für mich ist es sehr wichtig, dass ich mich menschlich mit ihnen verstehe. Es muss keine Freundschaft sein, aber es muss eine gemeinsame Frequenz geben, auf der man sich trifft. Wichtig sind mir Musiker, die die gleiche Passion haben wie ich, die auf der Bühne ihre Sensoren ausfahren, reagieren und schauen. Es gibt diese ganz besonderen Momente, bei denen ich das wirklich erlebe, mit meiner Harfenistin Feodora Johanna Mandel ist das oft so. Ich kann mich darauf verlassen, dass sie auf der Bühne diesen siebten Sinn für mich hat und ich auch für sie, was sehr selten ist. Ich habe schon mit vielen Harfenisten gespielt, aber mit ihr ist es einfach so, dass ich das Gefühl habe, sie weiß schon, was ich gleich machen werde, sie hat dieses Vorausdenken und ist immer bei mir.
Mit meiner Cellistin Katerina Giannitsioti ist es ähnlich. Mit ihr habe ich zum ersten Mal eine Sonate von Bach, die e- moll- Sonate, nur mit Cello gespielt. Das Stück ist eigentlich für Flöte und Basso Continuo komponiert. Im ersten Moment habe ich gedacht, da fehlt etwas! Aber sie hat im Zusammenspiel so viel eingebracht, dass da gar nichts mehr gefehlt hat. Sie hat ihre Sensoren draußen und es ist schön, wenn auf der Bühne manchmal unerwartete Dinge passieren, im positiven Sinne. Dinge, die nur mit Adrenalin und vor Publikum passieren können. Mit meiner Pianistin Susanna Klovsky geht es mir ähnlich, ich weiß genau, dass ich mich auf sie verlassen kann. Dass man einfach Musik macht, dass die Leute spontan sind, dass die Musik im Vordergrund steht und nicht das Ego, das ist ganz wichtig für mich.

DB
Deine Konzertprogramme haben immer einen roten Faden, eine Geschichte.
Deine Kinderkonzerte in Zusammenarbeit mit dem Georgischen Kammerorchester oder „Der Gasteig brummt“ sind sehr erfolgreich, die Kinder lieben Deine Geschichten. Was hast Du in diesem Genre für Erfahrungen sammeln können?

Matina Silvester
Kinder sind das ehrlichste und kritischste Publikum von allen. Deshalb ist es am schwierigsten, etwas für Kinder zu machen. Aber wenn man es geschafft hat, ist es auch das Schönste, weil sie einfach sofort und authentisch reagieren. Wenn die Kinder mit einem Ohrwurm heimgehen, oder von der Geschichte mitgerissen werden, bin ich überglücklich.
Ich spiele in diesen Konzerten, moderiere und manchmal schreibe ich auch eine Rolle. Dann bin ich ein Detektiv, eine Hexe oder ein Zauberer, aber mein großes Anliegen ist es immer, die Kinder in die magische Welt der Musik zu entführen.

DB
Dein Berufsfeld ist unglaublich facettenreich und ich finde, Du hast es auf eine beeindruckende Weise geschafft, all Deine Interessen und Begabungen miteinander zu vereinen. Aber Deine Liebe zur Kammermusik zieht sich wie ein roter Faden durch Deine Projekte hindurch, ist sie das Kontinuum, das alles zusammenhält?

Martina Silvester
Ich habe mir die Kammermusik ausgewählt, weil ich da sein kann, wie ich bin und weil ich da immer wachsen kann.
Es gibt da so viele Möglichkeiten. Schon allein die Besetzung ist sehr vielseitig, man kann mit Bläsern spielen, mit Streichern, Harfe oder Klavier. Wichtig ist immer eine hohe Flexibilität.
Ich habe lange 2. Flöte gespielt, denn ich konnte mich sehr schnell anpassen an andere. Aber wenn ich erste Flöte gespielt habe, hat es mir Spaß gemacht, den Ton anzugeben. Wenn ich Kammermusik spiele, habe ich beide Facetten. Man ist nichtfestgelegt, manchmal spiele ich die untergeordnete Rolle, manchmal führe ich. Diese Mischung gefällt mir.
Natürlich ist es schwierig, als freischaffender Kammermusiker durchzukommen. Aber für mich ist das der richtige Weg. Ich habe ihn aus Überzeugung gewählt.

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